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Der Superheld

Die Chinesen hatten es geschafft, den Schutzwall der Amerikaner zu durchbrechen und fuhren mit den Panzern in das feindliche Lager ein; die Fusssoldaten folgten. Die Baracken des Lagers gingen in einer Welle von Explosionen unter und brannten bis auf die Grundmauern nieder, während die amerikanischen von den chinesischen Soldaten abgeschlachtet wurden. Keine Gefangenen, so lautete der Befehl, und die Krieger hielten sich daran. Egal, wie sehr der Feind um sein Leben flehte, egal, wie hilflos, verletzt und verstümmelt er war, restlos alle von ihnen wurden grausam und ohne Skrupel getötet, während die Mörder nur verächtlich lachten und sich dann dem nächsten Opfer zuwandten. Schliesslich brach auch die letzte Linie der Verteidigung zusammen, und den wenigen Amerikanern, die übrig geblieben waren, um den Kommandanten zu beschützen, wurde das Schicksal ihrer gefallenen Kameraden zuteil. Und da war er: der Kommandant, schutzlos, alleine. Joachim packte ihn und eröffnete ihm mit kalter Stimme: „Sie haben lange Widerstand geleistet, aber das ist nun vorbei. Ihre Soldaten sind alle tot und sie werden ihnen bald folgen, aber ich verspreche Ihnen, dass sie zuvor schreckliche Leiden ertragen werden müssen!“
Dann nahm er ein Vergrösserungsglas hervor, fokussierte den Lichtstrahl auf die Stirn des Kommandanten und brachte so dessen Kopf zum schmelzen. Er lachte böse.
„He, Joachim!“
„Was?“ Joachim schaute auf und sah Noah über den Kieselweg rennen, der zwischen den Ahornbäumen hervortrat und auf den grossen Spielplatz in der Mitte des Parks führte. Die Strahlen der Sonne brannten auf die Erde nieder, ohne von irgendwelchen Wolken aufgehalten zu werden; dementsprechend war es sehr heiss und trocken und die Sandalen des Jungen wirbelten Staub auf. Er wirkte sehr aufgeregt.
„Komm mit, das musst du dir anschauen! Ich hab was gefunden!“, zischte er, darauf bedacht, dass die anderen Kinder ihn nicht hörten und auch die Mütter auf den Sitzbänken nicht, die auf die Kleinen im Sandkasten aufpassten. Er schnaufte. Joachim wurde neugierig. Er klaubte seine Plastiksoldaten und die Spielzeugpanzer zusammen und steckte sie in seine Pappschachtel.
„Los, mach schon!“
Joachim liess sich Zeit und verstaute die Figuren sorgfältig, nahm die Schachtel unter den Arm und folgte dann Noah, der gleich lossprintete. Unter den Laubbäumen war es schattig, aber die geteerten Wege reflektierten die Hitze der Sonne, die Luft flimmerte und der Staub kratze im Hals. Noah verliess den Weg und rannte zwischen den Baumstämmen hindurch, zwängte sich durch Dickicht und Gestrüpp. Es war schwierig, ihm zu folgen, vor allem mit der Kiste unter dem Arm. Die Äste und die niederen Sträucher zerkratzen Arme, Beine und das Gesicht, so gut sie konnten. Der starke Geruch nach frisch geschnittenem Gras und Baumharz klebte in den Lungen.
„Los, mach schon!“, rief Noah schon wieder und versuchte, seinen Gefährten anzutreiben.
„Hilf mir mal!“
Noah kam zurück und half Joachim durch das Unterholz, indem er ihn ruppig mitschleifte. Die Schatten wurden bereits länger, die Hochhäuser, die den Park zwischen sich einschlossen, stellten sich vor die Sonne. Eine leichte Brise kam auf. Da stellte sich ihnen eine Hecke in den Weg. Aber Noah kannte eine Lücke, wo sie durchschlüpfen konnten, auch wenn die sehr schmal war und sie sich durchzwängen mussten.
Auf der anderen Seite ein schmales Stück Rasen, über das ein Plattenweg verlief, dieser war an einem Hochhaus entlang verlegt worden. Fenster auf Bodenniveau ermöglichten den Blick in die Waschküche; zurzeit befand sich dort kein Mensch und die Maschinen lagen still. Noah führte Joachim den Weg entlang und um die Ecke des Baues zum einem Geräteschuppen. Dahinter standen die Müllcontainer; der süssliche Geruch von erwärmten Hausmüll strömte herüber. Der Hof war gepflastert, das Pflaster noch warm. Noah ging voran: „Los, komm!“
Joachim folgte ihm. Zwischen den Containern lag jemand auf dem Boden. Der Müll stank betäubend und ganze Schwärme von Insekten surrten durch die stickige Luft.
Noah sah Joachim erwartungsvoll an und fragte ihn: „Was hältst du davon?“
Es war ein Mann mit dicken Muskeln, der lag auf dem Bauch, er trug einen zerrissenen und dreckigen, blauen Strumpfanzug. Seine pechschwarzen Haare waren durcheinander gebracht und verbargen sein Gesicht. Rote Kniestrümpfe trug er und eine rote Unterhose, komischerweise über dem Strumpf. Und ein rotes Cape, auf dem ein grosses „S“ abgebildet war.
„Ist das Blut?“, wollte Joachim wissen und meinte die klebrige dunkelrote Masse, in welcher der Mann lag und die bis zur Hauswand und auf die Container gespritzt und teilweise verkrustet war. Es war schwer, etwas zu erkennen, da sich abertausende von Fliegen, ein paar Wespen und viele andere Insekten sich darauf gestürzt hatten und umherschwirrten.
„Was denn sonst?“, meinte Noah altklug.
„Wer ist das?“, fragte Joachim. Es war ihm etwas flau im Bauch und er umklammerte seine Schachtel mit der Spielzeugarmee. Noah tat spöttisch: „Na, wer wohl? Sieht man doch!“
Joachim beschäftigte noch was anderes: „Ist er tot?“
„Ich glaub schon“, behauptete Noah, „schau doch nach!“
„Niemals! Du hast ihn gefunden!“
„Na und?“
Die beiden Jungen standen da und betrachteten den Mann, der da auf dem Pflaster lag, während langsam die Sonne unterging. Das Cape und die Haare des Mannes bewegten sich im Wind.
Joachim brach das Schweigen: „Ich glaube nicht, dass er es ist.“
„Vielleicht doch, wer weiss? Er sieht genau so aus!“
„Ich weiss nicht“, meinte Joachim. „Meinst du wirklich?“
„Aber sicher! Wer soll es denn sonst sein?“
„Vielleicht hast du Recht.“
Noah schaute hoch, sein Blick wanderte das Hochhaus hinauf.
„Vielleicht“, erklärte er, „hat er beim Fliegen nicht aufgepasst und ist gegen den Wolkenkratzer geknallt. Dann ist er heruntergefallen.“
„Ich weiss nicht. Sein Gesicht ist verdeckt, vielleicht ist es jemand anders“, argwöhnte Joachim.
„Dann muss du ihn halt umdrehen!“
Joachim war geschockt: „Und wie?“
Noah ging zu den Müllcontainern, hob den Deckel und schaute hinein. „Wir brauchen irgendeinen Stock oder eine Stange oder so was in der Art.“
Joachim stellte seine Spielzeugsoldaten auf den Boden und ging zu dem Geräteschuppen. Dieser war ein einfacher Bretterverschlag, das Holz sichtbar angegriffen von der Witterung. Eine morsche Türe, ein rostiges Vorhängeschloss. Die Türe ging weit genug auf, dass er ins innere der Hütte schauen konnte. Er sah Gartenharken.
„Noah, kannst du mir mal helfen?“
Noah liess von den Müllcontainern ab und kam zu Hilfe. Grinste über das Unvermögen von Joachim. „Hilf mir lieber!“, blaffte dieser ihn an.
Noah sah sich das Schloss an, ging zum Müllcontainer, kam mit einem Kerzenständer aus Gusseisen zurück und knackte es damit. Das völlig verrostete Stück Eisen leistete keinen Widerstand.
Der Weg zum Schuppen war frei. Joachim ging voran.
Ein Rasenmäher. Regale mit Ersatzteilen, Heckenscheren, Seilen und anderes Gerümpel. Ein Fass und Kanister. Dreckige Waschlappen. Ein Gartenschlauch. Alles dick belegt mit Staub und Spinnweben. Und Gartenharken.
Noah wies darauf: „Los, nimm eine von denen! Damit geht es!“
„Aber da ist eine Spinne!“
Noah schnalzte verächtlich mit der Zunge und drängte an Noah vorbei in den Schuppen. Er wischte das Spinnennetz mit einer Hand weg und griff sich eine Gartenharke. Die beiden verliessen den Schuppen und gingen wieder zu der Leiche. Sie waren unschlüssig.
„Machst du’s?“, fragte Joachim.
„Wieso ich?“
„Ich will’s nicht sehen, wenn seine Augen herausgeplatzt sind.“
„Wie bitte?“ Noah starrte Joachim verunsichert an.
„Naja, wegen dem Aufprall. Wenn er auf dem Kopf gelandet ist, sind doch sicher seine Augen aus dem Schädel geplatzt.“
„Wäre doch cool, nicht?“, meinte Noah. „Aber ich werde ihn nicht umdrehen! Ich habe ihn gefunden, das reicht!“
„Aber ich will es nicht machen!“, weigerte sich Joachim.
„Dann wissen alle, dass du ein feiges Huhn bist!“
„Aber nur, wenn du es ihnen erzählst!“
„Und das werde ich!“
„Sei still, sonst hört uns noch jemand!“, zischte Noah Joachim zu.
Die beiden standen still und verärgert beieinander. Das Summen der Insekten war noch zu hören.
„Ich weiss was“, unterbrach Noah das Schweigen. „Ich werde ihn umdrehen. Aber du gibst mir etwas dafür.“
„Und was?“
Noah trat zu der Kartonschachtel hin, die immer noch dort am Boden lag, wo Joachim sie hingestellt hatte. Er stiess sie mit dem Fuss an.
„Gib mir deine Soldaten und ich drehe ihn um!“, bot er an.
Joachim stand unschlüssig auf seinem Platz und guckte von der Kiste zu dem Toten und wieder zurück.
„Du traust dich ja auch nicht!“, bemerkte er.
„Aber ich habe ihn gefunden“, erklärte Noah im Ton völliger Überzeugung.
Noahs Selbstvertrauen verunsicherte Joachim. Er dachte zwar irgendwie, dass in Noahs Argumentation ein Fehler sein musste, aber der war so von sich selbst überzeugt und Joachim war zu nervös, um genau zu überlegen und so wusste er kein Gegenargument. Also stimmte er zu: „Meinetwegen, nimm halt die Kiste! Jetzt dreh ihn aber endlich um! Mach schon!“
Noah packte die Harke mit fester Hand und trat näher an den Toten heran, gab dabei darauf Acht, nicht in das getrocknete Blut zu treten. Was schwierig war, denn die Fliegen und die übrigen Insekten, die er aufscheuchte, trübten seine Sicht und wirbelten den Pestgestank auf, der ihn zu betäuben drohte. Dennoch schaffte er es, einen guten Standplatz einzunehmen, von dem aus er die Harke in Stellung bringen konnte. Er harkte das Ende an der Schulter des Toten ein, vergewisserte sich noch einmal, dass er einen stabilen Standpunkt hatte, und zog, so fest er konnte, ohne bei dem Versuch umzufallen.
Der Tote bewegte sich allerdings kaum. Ein Reissen wie beim Öffnen eines Klettverschlusses war zu hören, doch die Leiche löste sich nicht vom Boden, an den sie mit getrocknetem Blut festgeklebt war. Der Junge hatte nicht genügend Kraft.
Die Insekten störten noch immer, aber der Geruch übertünchte alles. Noah wurde es übel. Er liess den Stiel der Harke los, liess das Gerät zu Boden fallen und trat von der Leiche weg, stützte sich auf seine Knie und stiess auf.
„Geht es?“, fragte Joachim.
„Lass mich in Ruhe!“, schnauzte Noah ihn an.
„Das werde ich allen erzählen, ausser, ich darf meine Soldaten behalten!“
Noah wischte sich den Mund mit dem Handrücken ab. Er war in dem Punkt ganz anderer Meinung und wollte das auch sagen. Doch da rief plötzlich ein Erwachsener: „Oh Jesus, was habt ihr gemacht!“
Joachim und Noah drehten sich gar nicht erst nach dem Urheber um. Adrenalin schoss in ihren Blutkreislauf, setzte ihre Beine in Bewegung und sorgte dafür, dass sie in höchstmöglicher Eile hinter der Hausecke verschwanden, durch das Loch in der Hecke zurück in den Park schlüpften, zwischen den Bäumen hindurch und so schnell wie möglich so weit weg wie möglich rannten. Die Beschimpfungen und das wüste Gebrüll, das sie verfolgte, trieb sie nur noch mehr an, auch wenn es bald verstummte. Sie waren bereits am Eingang zu ihrem Wohnblock angekommen. In der Sicherheit des heimischen Treppenhauses kamen sie zur Ruhe. Sie schwitzten zwar, aber ihnen war nicht heiss, Angstschweiss ist kalt. Sie guckten durch das Milchglas der Eingangstüre nach draussen, aber niemand war ihnen gefolgt.
„Hat er uns erkannt?“, fragte Joachim.
Noah wusste es nicht: „Ich weiss gar nicht, wer es gewesen ist.“
Joachim, der einfach gerne seine Plastiksoldaten wieder gehabt hätte, vergewisserte sich bei Noah: „Am Besten sagt keiner von uns etwas, findest du nicht auch?“
„Ich sage nichts, wenn auch du nichts erzählst!“
„Auf jeden Fall!“
Die beiden besiegelten den Pakt mit einem sehr ernsthaften Handschlag und stiegen dann mit zitternden Knien die Treppe hoch zu den Wohnungen, wo sie daheim waren und ihre Mütter sie ungehalten erwarteten.

©2005

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